KulturToDate - 3.5.18 / 29.12.17

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3.5.2018 von Klaus Oberrauner

Voilà komponiert: Heute denke ich an Cissy. Hundert wäre sie heuer. Hundert. Und ist frisch wie eh. In lockendem Ocker empfängt der Raum, wie sich das Damals gerne ausmalt. Ich schaue mich um und finde meinen Platz. Vorne wartet das runde Standmikrofon. Die Vorfreude steigt. Irgendwie ist mir Cissy vertraut. Der Vorderzahn vereint sich mit jenen Nachmittagen, an denen noch ein Kinderwunschkonzert Fixpunkt lachender Radioohren war. Wie sie erscheint. Mit jugendlicher Bühnenfreude, wie sie nicht besser durch alle Zeiten tragen kann. Ich schmunzle. Sie möchte ein Pinup-Girl werden. Oder vielmehr Pinup, denn Girl ist sie ja schon. Und blond. Und niemand kann sich ihren Namen merken. Auch so lässt sich bald etwas heißen. Aber nicht sofort. Schwarzweiße Schatten wecken 1938. In Wien. Cissy Kraner und Hugo Wiener packen ihre Koffer. Let’s go to America. Ein abwechslungsreiches Leben beginnt. Zwischen Wiener Bäckerei und Bühne, Bühne, Bühne. Eine wunderbare, kurzweilige Zeitreise. An einem Abend. 

Mit packender Empathie und Finesse der Akteure. Mit Dissonanzen politischer Umstände, die nicht kalt lassen. Und vor alle: Ein Revival des Musikkabaretts mit viel g’scheitem Humor.

Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn,
den meinen schlug der Ferdinand mir ein.
Ich weiß bis heute nicht, warum er das getan?
Aus Liebe kann es nicht gewesen sein.

Schon früh schnarrte sich das Lied von der Schallplatte in mein Ohrwurmrepertoire. Und bis heute ist es für mich ein Inbegriff des subtil amüsanten, raunzigen Wiener Kabaretttons. Untrennbar verbunden mit dem Komponisten Hugo Wiener und der markanten Bühnenallrounderin Cissy Kraner: Schauspielerin, Sängerin, Kabarettistin auch Leiterin des Wiener Traditions-Kabarett Simpl. Diese Kombination schlug ein. „Wieder Kernstück des Abends die rattenfängerische, publikumsbeherrschende Cissy Kraner, wohl die attraktivste Diseuse, die Wien derzeit hat.“ So erinnert Hugo Wiener in seinen Zeitensprüngen an einen Pressetenor. In Cissy & Hugo a Caracas – einer launigen Melange aus Musik, Kabarett und Chansons – erinnern Schauspielerin Rita Hatzmann (Ensemble 21) und Musiker Georg O. Luksch an das kongeniale Künstlerpaar. So am 19. April 2018 im Theater Akzent. Pünktlich im Jubiläumsjahr zu Kraners Hunderter.


Rita Hatzmann erzählt KulturToDate über ihr Projekt Ensemble21, das neue Programm und was sie an Cissy Kraner, einer Kabarettistin der ersten Stunde, fasziniert. 

Über das Ensemble 21Hatzmann: „2014 ist die Idee entstanden ein eigenes Ensemble zu gründen, um neue Stücke zu entwickeln. Wir haben lange überlegt, wie wir uns nennen können. Dann kam die Zahl 21 für das 21. Jahrhundert zu Ensemble dazu. Wir wollen Theater, Musik und Kabarett – inspiriert von bestimmten Vorbildern – für die heutige Zeit machen. Die erste Produktion war dann Der Sturz der Möwe. Entwickelt von mir und dem Kollegen Erich Knoth. Mit dem Regisseur Michael Grimm. Die Autorin Margarita Kinstner hat dann das Stück geschrieben. Als zweite Produktion folge 2016 Schönwettermenschen im Regen von mir und Tina Goebel. Hier haben wir gemeinsam die Texte geschrieben, ich habe auch inszeniert. 2017 entstand nun Cissy & Hugo a Caracas als Zusammenarbeit von mir mit dem Musiker und Komponisten Georg O. Luksch.“

Über die Idee zu „Cissy & Hugo a Caracas“ Hatzmann: „Die Nummern von Cissy Kraner haben mich schon immer fasziniert. Soviel Witz, aber auch Tiefgang. Und Sprachfertigkeit, verbunden mit musikalischem Ausdruck. Als ich dann erfahren habe, dass der Vater von Georg O. Luksch mit Hugo Wiener zusammengarbeitet hat, war klar: da wollen wir was daraus machen. Besonders hat mich dann die Zeit interessiert, als Cissy Kraner noch jung war, weil darüber nicht mehr viel bekannt ist.“

Über Cissy Kraner Hatzmann: „Als Schauspielstudentin hab ich mich intensiv mit Vorbildern beschäftigt und bin dabei auf Cissy Kraner aufmerksam geworden. Sie war eine sehr kraftvolle Persönlichkeit und ihre Interpretationen der verschiedenen Charaktere haben mich fasziniert. Sie hat mir gezeigt, dass Frauen nicht immer nur lieb, nett und hübsch sein müssen, sondern auch laut und deutlich ihre Meinung sagen dürfen. Im Laufe der Recherche im letzten Jahr habe ich natürlich alles von ihr gesammelt, gelesen, Videos und Fotos angeschaut, Aufnahmen immer wieder angehört, um möglichst nahe zu kommen. Interessant ist, dass ich tatsächlich das Gefühl habe, viele ähnliche Situationen wie sie erlebt zu haben. Besonders inspirierend finde ich, dass sie und Hugo Wiener immer den Humor behalten haben, auch in schwierigen Situationen. Und sie haben es geschafft, als Paar bis ins hohe Alter miteinander glücklich zu leben und aufzutreten. Wer schafft das schon, wirklich glücklich zu sein? Leiden, das finde ich oft viel leichter.“

Über den Reiz des Musikkabaretts und das Duo „Cissy & Hugo“ Hatzmann: „Musik mit Sprachwitz zu verbinden, ist für mich die größte Herausforderung. Cissy & Hugo a Caracas begeistert mit den unvergleichlichen pointierten msikalischen Nummern von Hugo Wiener und lässt das Publikum in die Erlebnisse einer jungen Sängerin der 30er Jahre eintauchen. Mit dem Musiker und Grammy-Gewinner Georg O. Luksch, der live auf der Bühne Klavier, Percussion und Theremin spielt, habe ich auch neue, mehrsprachige Musiknummern dafür geschrieben, die den Stil der 30er Jahre in heutigen Elektroswing verwandeln.“

Erinnerungen an Cissy Kraner Hatzmann: „Die erste Nummer, die mir immer in Erinnerung blieb, war Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn. Es ist eine berührende und zugleich irrsinnig witzig erzählte Geschichte. Das Gegengewicht dazu sind Der Nowak lässt mich nicht verkommen oder Der Vamp von Favoriten, wo es um Frauen mit einem Hang zu Verruchtem geht. Cissy Kraner ist das weibliche Pendant zu Bronner, Qualtinger & Co. Ihre legendären Lieder schrieb Hugo Wiener. Jahrzehntelang traten sie im Simpl auf, waren auf internationalen Tourneen, im Fernsehen und in der Josefstadt zu sehen. Für Hans Moser schrieb Hugo Wiener Filmdrehbücher und für Robert Stolz Operettentexte.“

Über das neue Programm „Cissy & Hugo a Caracas“ Hatzmann: „Wir starten im Wien der 30er Jahre, Cissy hat bereits erste Erfolge als Soubrette in Wien und Holland. Hugo ist schon ein angesehener Textautor. 1938 spitzen sich die politischen Verhältnisse zu und so gehen wir auf die Reise nach Südamerika. Was als Künstlertournee mit einer Revue in Bogotá startet, wird schließlich ein erfolgreiches Zwei-Personen-Kabarett in Caracas mit eigener Musikbar. Zwischen den Handlungssträngen gibt es immer die musikalischen Nummern.“

Rita Hatzmann & Georg O. Luksch in „Cissy & Hugo a Caracas“ | Foto: (c) Hapé Schreiberhuber

Über Kabarett Hatzmann: „Es gibt sehr verschiedene Formen von Kabarett. Im Gegensatz zu klassischem Theater muss es nicht unbedingt einen vollständig schlüssigen dramaturgischen Bogen geben, sondern kann auch aus Nummern bestehen. Das Bühnenbild ist normalerweise sehr reduziert gehalten, was uns als kleines eigenständiges Ensemble entgegen kommt. Es ist flexibel und kann schneller an neue Begebenheiten angepasst werden. So spielen wir auch immer in unterschiedlichen Räumen. Wichtig ist die Nähe zum Publikum, das wir direkt mit den Leuten reden können. Inhaltlich sollte immer der Bezug zu alltäglichen Lebensumständen da sein, Reflexion gepaart mit Unterhaltung.“

Am 19. April 2018 ist „Cissy & Hugo a Caracas“ im Theater Akzent zu erleben. Auch die CD, derzeit in Arbeit, wird präsentiert.

https://klausoberraunerblog.wordpress.com/2017/12/29/soviel-witz-aber-auch-tiefgang/

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